Kein Platz für mich (und für meine Sachen)
Meine Geschichte
Kindheit
Als ich geboren wurde, waren meine Eltern seit fast anderthalb Jahren verheiratet, hatten aber noch keine eigene Wohnung. Sie lebten in einem Zimmer in der Wohnung meiner Großeltern. Während meine Mutter arbeiten war, passte meine Oma auf mich auf. Meine Mutter erzählt, dass es schwierig für sie war, wenn sie nach Hause kam, weil meine Oma mich nicht „hergeben“ wollte.
Nicht ganz ein Jahr nach mir kam meine Schwester zur Welt, etwas zu früh, ein zartes Kind, oft krank. Jetzt war meine Mutter zwar nicht mehr berufstätig, aber durch meine Schwester stark beansprucht. Meine Eltern hatten immer noch keine eigene Wohnung, und in ihrem Zimmer war nur Platz für ein Kinderbett. Also war ich jetzt Tag und Nacht bei meinen Großeltern.
Anderthalb Jahre später, kurz bevor mein Bruder geboren wurde, sind wir innerhalb des Hauses umgezogen. Das ist meine früheste Kindheitserinnerung, wie ich mit meinem Kopfkissen im Arm über den Flur von einer Wohnung in die andere laufe und überhaupt nicht verstehe, was da gerade geschieht. Warum darf ich jetzt plötzlich nicht mehr bei meiner Oma schlafen?
Weitere Verluste, an die ich mich erinnere, waren zwar nicht ganz so gravierend, aber auch schlimm. Ich war immer schon ziemlich groß und musste mich schon bald richtiggehend bücken, um meinen heißgeliebten Puppenwagen schieben zu können. Eines Tages kam ich aus dem Kindergarten nach Hause – und der Puppenwagen war weg. Meine Mutter hatte ihn als Spende ins Waisenhaus gebracht ohne mich zu fragen, ob ich bereit wäre, ihn abzugeben. Außerdem war ich jedes Mal traurig, wenn mir ein Kleid zu klein geworden war, und ich es an meine Schwester abgeben musste, zumal meine Schwester die Kleider eigentlich gar nicht haben wollte.
Bis zu meiner Heirat habe ich geglaubt, ich sei adoptiert. Meine Eltern haben mir zwar immer wieder versichert, dass ich ihr leibliches Kind sei, und auch die Familienähnlichkeit war nicht zu übersehen, aber erst als ich meine Geburtsurkunde am Standesamt abgeholt habe, konnte ich akzeptieren, dass meine Eltern wohl tatsächlich meine leiblichen Eltern sind.
Ich fühlte (und fühle mich immer noch) als Außenseiterin in der Familie.
- Meine Geschwister waren lange Zeit etwa gleich groß und haben immer wieder voller Begeisterung ihre Kleidung getauscht (damals gab es ja noch große Unterschiede zwischen Mädchen- und Jungsklamotten) – und ich hatte niemanden, mit dem ich hätte tauschen können.
- Meine Geschwister hatten beide Kuscheltiere – ich nicht (warum auch immer). Meine Geschwister durften beide ein Instrument lernen – ich nicht (angeblich war ich unmusikalisch).
- Wenn wir alle zusammen spazieren gingen und der Bürgersteig schmal war, nahm meine Mutter meinen Bruder an die Hand, mein Vater meine Schwester – und ich musste alleine gehen (ich war ja mit vier oder fünf Jahren schon groß!).
- Meine Geschwister wurden auch für mittelmäßige Schulnoten gelobt – wenn ich eine zwei nach Hause brachte, hieß es dagegen: „Und: warum ist es keine eins?“
Aus meiner frühen Kindheit gibt es kaum Fotos, auf denen ich fröhlich, glücklich oder wenigstens entspannt aussehe (meine Geschwister dagegen schon). Ich weiß noch, dass ich eigentlich ständig Angst hatte, etwas falsch zu machen. Mein Vater und mein Großvater hatten großen Spaß daran, mich zu ärgern oder in Panik zu versetzen. Eine besonders schlimme Erinnerung ist folgende:
Ich weiß nicht mehr, was der Anlass war, aber mein Vater und mein Großvater haben mich zur Strafe in eine Decke gewickelt und wie ein Paket verschnürt. Dann haben sie mir angedroht, sie würden jetzt eine Briefmarke besorgen und mich nach Afrika schicken.

Irgendwann hat meine Oma mich dann gerettet.
Da unsere Vermieterin ziemlich schwierig war, durften wir keine Kinder zum Spielen mit nach Hause bringen. Auch sonst gab es wenig Gelegenheit, mit anderen Kindern zusammen zu sein. Deswegen habe ich auch nie so richtig gelernt, wie man sich einer Gruppe anschließt oder Kontakt zu anderen aufnimmt.
Im Kindergarten bekam ich oft zu hören: „Geh weg, du störst!“ In der Grundschule wurde ich wegen meiner Kleidung ausgelacht. Auf dem Gymnasium habe ich jede Pause auf der Toilette oder mit einem Buch am Rand des Schulhofs verbracht.
Wir hatten wenig Geld und demzufolge auch wenig Sachen – und trotzdem reichte der Platz nie aus, um sie unterzubringen. Es war für mich einfach unmöglich, meine Sachen ordentlich und übersichtlich (!) aufzuräumen (dann lieber gar nicht). Ich überlege immer mal wieder, ob ich vielleicht auch aus Protest nicht aufgeräumt habe. Meine Eltern waren sehr streng. Kindlichen Trotz und jugendliche Rebellion gab es für mich einfach nicht (für meinen Bruder später schon). Es gab oft Ärger wegen meiner Unordnung, aber vielleicht war für mich ja negative Aufmerksamkeit besser als gar keine.
Nach Ansicht meines Vaters war Hausarbeit allein die Aufgabe der Mutter. Das meiste hat meine Mutter erledigt, während wir in der Schule waren. Ich habe also nie gesehen, wie man zum Beispiel ein Bad putzt, ja ich wusste nicht einmal, dass man regelmäßig putzen muss. Nachmittags hat meine Mutter sich um uns Kinder gekümmert (Vokabeln abfragen, zur Musikschule fahren, etc.) und abends hat sie geflickt, gebügelt, Schuhe geputzt und ein Haushaltsbuch geführt. Dabei habe ich ihr meistens in der Küche Gesellschaft geleistet, während mein Vater und meine Geschwister vor dem Fernseher saßen.
Ich habe immer die Nähe meiner Mutter gesucht. Heute überlege ich, ob ihr das vielleicht lästig war. Nach dem Mittagessen habe ich immer freiwillig abgetrocknet, um ihr aus der Schule erzählen zu können. Wenn alle zusammen waren, bekam ich immer zu hören: „Red‘ nicht so viel. Die anderen wollen auch mal was sagen.“
Studium
Die Zeit des Studiums war unproblematisch. Ich lebte weit weg von zu Hause in einer anderen Stadt. Dort habe ich schon nach wenigen Monaten meinen Mann kennengelernt. Wir sind ziemlich bald zusammengezogen, in eine winzige möblierte Wohnung, aber die Schränke waren groß genug für das Wenige, was wir dabei hatten. Beide hatten wir nur das Nötigste von zu Hause mitgenommen. Alles andere würden wir später holen, wenn wir es brauchten und mehr Platz hätten.
Messie und Mutter
Als dann die Kinder kamen, wurde es schwierig. Ich hatte ja nie gelernt, wie man einen Haushalt führt. Kochen, Backen und Einkaufen waren nie ein Problem, Waschen und Bügeln auch nicht – aber Aufräumen und Putzen!
Als die Kinder noch klein waren, haben sie noch ungeniert Freunde und Freundinnen zum Spielen mit nach Hause gebracht. Später dann nicht mehr. Mir hat das sehr leid getan, aber ich habe es nicht geschafft, etwas daran zu ändern. Besonders schlimm war eine Situation, als ich einkaufen war und beim Heimkommen sehen musste, wie der neunjährige Nachbarsjunge bei mir in der Küche auf der Arbeitsplatte stand und meine Regale putzte.
Solange wir nur zwei Kinder hatten, gab es im Haus Platz genug für alle. Ich hatte sogar ein Zimmer für mich, das ich als Bastelzimmer genutzt habe. Wenn ich, was selten genug vorkam, mal Besuch eingeladen hatte, konnte ich alles, was ich nicht rechtzeitig aufräumen konnte, in diesem Zimmer verschwinden lassen.
Als dann die nächsten beiden Kinder kamen, wurde es so richtig eng. Jetzt lebten wir zu sechst in 98 qm. Die Kinderbetten der beiden jüngeren standen bei uns im Schlafzimmer, damit im Kinderzimmer genug Platz zu Spielen war. Mein Zimmer bekam meine Tochter. Die Möglichkeit, das Haus mit überschaubarem Aufwand in einen akzeptablen Zustand zu versetzen, gab es nun nicht mehr.
Ich habe jedes Jahr zum Jahresanfang die Bücher von Sandra Felton gelesen, aber ich konnte das Gelesene nicht umsetzen. In Erinnerung geblieben ist mir der Satz:
Jedes Ding hat einen Platz und jedes Ding hat seinen Platz.
Sandra Felton
Heute weiß ich, dass genau das das Problem war. Dinge, die einen festen Platz hatten, waren penibel aufgeräumt, wie zum Beispiel Geschirr oder Kleidung. Der Rest der Wohnung versank im Chaos, weil es einfach nicht genug Platz für alles gab.



Therapie
Aus Gründen, die nichts mit meiner Unordnung zu tun hatten, begann ich so um die Jahrtausendwende herum eine Therapie. Meine Therapeutin vertrat die Ansicht „wie außen, so innen“ und meinte, wenn wir mein Innenleben aufräumen würden, würde sich auch der Zustand meiner Wohnung verändern. Das geschah zwar nicht sofort, ich bin aber überzeugt davon, dass sich ohne die Therapie nichts geändert hätte.
Bis zu diesem Zeitpunkt war ich der Meinung gewesen, ich hätte eine glückliche Kindheit gehabt, obwohl ich mich ja immer ausgegrenzt und nicht zugehörig gefühlt hatte. Vieles, was ich oben beschrieben habe, hat sich erst in der Therapie geklärt. Ich kann jetzt auch sehen, dass vieles nicht schön war, das meiste aber durch äußere Umstände bedingt war.
Veränderung
Die Veränderung begann 2009. Unser zweitjüngster Sohn hatte einen Fahrradunfall, bei dem er sich eine so schwere Hirnschädigung zugezogen hat, dass er voll pflegebedürftig war und von seinen Sachen (PC, Gameboy, Schachspiel, Bücher, …) nichts mehr benutzen konnte. Außerdem wurden mir aus einer Ausstellung fünf Quilts gestohlen. Ich begann zu begreifen, dass es keine Sicherheit im Leben gibt und dass alles „Festhalten wollen“ nichts bringt.
Jetzt fing ich so allmählich an, umzudenken. Bis dahin war es für mich selbstverständlich, dass es am sinnvollsten ist, Geld für materielle Dinge auszugeben. Dann hat man was in der Hand. Durch die Erfahrung mit meinem Sohn habe ich gesehen: sein ganzer Besitz war von einem Tag auf den anderen für ihn nutzlos und damit wertlos geworden, seine Erinnerungen an schöne Erlebnisse (die zum Teil ja auch Geld gekostet haben), konnte ihm aber niemand mehr nehmen.
Von da an hatte ich immer seltener das Bedürfnis, Sachen zu kaufen, die ich früher unbedingt hätte haben müssen. Ich bin öfter mal für ein paar Tage in den Urlaub geflogen und habe mir ausgiebige Massagen gegönnt.



Der nächste große Schritt war für mich 2015 mein Umzug nach Münster. Hatte ich bislang nur den Zustrom von weiteren Sachen reduziert, fing ich jetzt nach und nach an, mich von Sachen zu trennen, die ich nicht mit nach Münster nehmen wollte. Das wäre gar nicht zwingend notwendig gewesen, weil wir unser Haus in Süddeutschland ja behalten haben, aber glücklicherweise habe ich damals zum ersten Mal eine Givebox entdeckt. Ich hatte zu der Zeit etwa dreimal pro Woche dort in der Nähe zu tun und habe jedes Mal eine kleine Tasche mit Dingen, die mir nicht mehr wichtig waren, dorthin gebracht. Es hat mich sehr gefreut, dass fast jedes Mal die Sachen nicht mehr da waren, die ich ein paar Tage zuvor dort hineingestellt hatte. Irgendjemand konnte sie also gebrauchen. Ich selber war ziemlich standhaft und habe nur ganz selten etwas von da mit nach Hause genommen.
Beim Umzug nach Münster habe ich sehr bewusst ausgewählt und nur das mitgenommen, was ich wirklich brauchte. Ich musste ja nichts wegwerfen, alles andere konnte ja noch in unserem Haus in Süddeutschland bleiben. Ich bin damals auch noch häufig gependelt und konnte so jederzeit nachträglich noch Sachen herbringen. In Münster hatte ich jetzt eine große Wohnung mit wenig Möbeln, die mir ein unglaubliches Gefühl von Freiraum und damit auch Freiheit vermittelte.







Zum ersten Mal in meinem Leben lebte ich allein und konnte frei über meine Zeit verfügen. Außerdem hatte ich alles, was irgendwie belastend war, zum Beispiel der ganze Schreibkram, noch nicht hier. Das konnte ich alles bei meinen Besuchen im alten Zuhause erledigen.
In Münster konnte ich mir langgehegte Wünsche erfüllen. Der größte war, endlich jederzeit und sogar spontan Besuch einladen zu können. Das habe ich auch ausgiebig getan. Zu der Zeit war meine Wohnung immer aufgeräumt – und ich habe sogar regelmäßig geputzt. Alles ist mir leichtgefallen. Ich habe ohne Anstrengung abgenommen, habe viel Anerkennung für verschiedene ehrenamtliche Tätigkeiten bekommen und mich verliebt.
Die große Enttäuschung war allerdings, dass sich der Kontakt zu meinen Eltern und Geschwistern, die alle in Münster lebten, nicht so gestaltet hat, wie ich mir das erhofft hatte. Ich habe viele Anstrengungen unternommen, blieb aber immer noch die Außenseiterin.
Rückfall
Im Herbst 2017 kam viel zusammen. Ich hatte beschlossen, alles, was mir wichtig aus der alten Wohnung wichtig war, nach Münster kommen zu lassen. Das war ein ganzer Sprinter voll. Das Gästezimmer war damit bis auf Hüfthöhe komplett vollgestellt. Es hat viele Monate, wenn nicht sogar Jahre gedauert, bis alles eingeräumt, aufgeräumt oder entsorgt war.
Zusätzlich zu dem ganzen materiellen Ballast gab es noch einige Ereignisse, die für enormen emotionalen Ballast sorgten. Mein jüngster Sohn, der seit 2015 in einer Behinderteneinrichtung lebte, durfte 2017 aus pädagogischen Gründen über Weihnachten nicht nach Hause kommen, mit meiner Mutter kam es zu einem richtigen Streit, bei den Vorstandssitzungen im Verein wurden die Meinungsverschiedenheiten immer größer und in der Beziehung fing es an zu kriseln.
Genau zu dieser Zeit fing mein linker Arm an zu zittern, was sich später als Vorbote meiner Parkinsonerkrankung herausstellen sollte und ich habe ziemlich viel zugenommen.
Heute
2021 ist mein jüngster Sohn bei mir eingezogen, meine Parkinsonerkrankung (damals noch ohne Diagnose) schritt voran. Das machte es nötig, dass auch mein Mann hier einzog. Jetzt war es wieder einmal richtig eng. Aber seit Sommer 2024 nehme ich Medikamente, bin inzwischen kaum noch auf Hilfe angewiesen und lebe den größten Teil des Monats wieder allein.
Ich habe mir meine Wohnung wieder zurückerobert. Sie ist jetzt zwar einigermaßen ordentlich, aber das Gefühl von Freiraum und Freiheit hat sich nicht wieder eingestellt.
Was geblieben ist, ist immer noch ein gewisser Widerwille gegen das Aufräumen, den ich inzwischen als kindliche Trotz- und Protesthaltung gegen die übermäßig strenge Erziehung durch meine Eltern betrachte.
- Was gäbe es sonst für einen Grund, getragene Kleidung tagelang im Schlafzimmer auf dem Sessel zu stapeln statt sie in die zwei Meter entfernten Wäschekörbe zu legen?
- Warum räume ich Sachen nach dem Gebrauch nicht wieder da hin, wo sie hingehören?
- Warum bleibt die getrocknete Wäsche solange im Wäschetrockner bis ich diesen wieder benutzen will?
- Warum lege ich meine Einkäufe beim Heimkommen auf die Arbeitsplatte oder den Esstisch statt sie in den Schrank zu räumen?
In der großen Wohnung fallen dies Inseln der Unordnung nicht so sehr auf. Der größte Teil der Wohnung ist ja ordentlich. Manchmal übersehe ich die Unordnung, manchmal denke ich aber auch: Eigentlich könntest du das Teil jetzt mal aufräumen. Oft meldet sich dann sofort eine laute, rebellische Stimme: ICH WILL ABER NICHT!!! Meistens gebe ich dieser Stimme nach und versuche weiterhin zu ignorieren, dass dieses Teil vielleicht schon Wochen oder sogar Monate nicht aufgeräumt ist (obwohl es doch eine festen Platz dafür gibt). Das kostet unglaugblich viel Kraft und Energie.
Aber vielleicht schaffe ich es ja doch noch, erwachsen zu werden, im Sinne von:
Erwachsen ist man dann, wenn man das Richtige tut, obwohl es die Eltern früher von einem verlangt haben.
Verfasser unbekannt
Was hat geholfen?
- Ich hatte eine Oma, die mich sehr geliebt hat, mit der ich viel Zeit verbringen durfte und für die ich etwas besonderes war.
- Durch Erfolg in der Schule konnte ich mir wenigstens die Anerkennung meiner Eltern verdienen.
- Ich habe immer viel gelesen und konnte dadurch dem Alltag entfliehen.
- Die Mutter und die Oma meines Mannes haben mich mit offenen Armen in die Familie aufgenommen.
- Mein Mann hat schnell verstanden, dass er meine Unordnung nicht beseitigen darf. Dabei hätte er niemals etwas richtig machen können! Er hat die Situation akzeptiert, wie sie war, und niemals deswegen Streit angefangen.
- Durch die Kinder hatte mein Alltag Struktur. Es gab immer frisch gekochtes, gesundes Essen und saubere, meistens sogar gebügelte Kleidung. Wenn diese (lebenswichtigen) Dinge erledigt waren, habe ich mit den Kindern gespielt. Aufräumen und putzen blieben dabei auf der Strecke.
- Das Geld war bei uns nicht knapp, aber es musste gut eingeteilt werden, damit es für alles reichte. Da Kinder aber ständig aus allem herauswachsen, konnte ich mein „Kaufbedürfnis“ mit Kinderkleidung und Spielzeug ausleben. Außerdem hatte ich durch die Kinder gar nicht soviel Zeit und Gelegenheit zu eksessiven Shoppingtouren.
- Meine Therapeutin meinte, ich müsste mir jetzt selbst Mutter und Vater sein. Das hat aber irgendwie nicht so richtig funktioniert. Dafür durfte ich als Erwachsene mit Mitte vierzig im echten Leben erfahren, wie es sich anfühlt, bemuttert zu werden. Ein junger Masseur in der Türkei, kaum älter als mein ältester Sohn hat mich gewissermaßen „nachbemuttert“.
- Auf dem Weg zu den Massageräumen hat er mich an die Hand genommen wie ein kleines Kind.
- Er hat meine Füße einzeln in Handtücher gewickelt, als es kalt war.
- Er hat mir im Hamam die Haare gewaschen hat, obwohl das eigentlich nicht üblich war.
- Er hat seine Orange mit mir geteilt.
- Er hat mir Medikamente aus der Apotheke geholt, als ich krank war.
- Durch den Unfall meines Sohnes haben materielle Dinge einen anderen Stellenwert bekommen.
- Die große Wohnung nur für mich und die anderthalb Jahre in der spärlich möblierten Wohnung haben mir gezeigt, wie wohltuend es sein kann, von viel freiem Raum umgeben zu sein.
- Die Existenz von Giveboxen und Sozialkaufhäusern hat es mir möglich gemacht, mich von vielem zu trennen, denn wegwerfen könnte ich noch gut erhaltene Sachen bis heute nicht.
- Meine Parkinson-Erkrankung erlaubt es mir, nachsichtiger mit mir zu sein. Manches kann ich jetzt einfach nicht mehr.
- Eine ganz große Hilfe ist meine Kreativität. Ich habe immer schon viel gehäkelt, gestrickt, gestickt, genäht und gebastelt. Als ich dann anfing, Patchwork-Wandbehänge zu nähen, wurde aus dem Kunsthandwerk Kunst. Dadurch bekam ich die Möglichkeit, meine Lebensthemen im wahrsten Sinne des Wortes zu „verarbeiten“. Zur Messie-Thematik entstand der Quilt:

„Inseln der Ordnung in einem Meer von Chaos.“
Elke